Wir können China nicht umgehen – Gespräch mit Christine Althauser

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Anfang August besuchte die Deutsche Generalkonsulin in Shanghai, Christine Althauser, Qingdao. Über ihre Eindrücke von der Stadt, die ein Symbol für deutsch-chinesische Beziehungen ist, sprach Christine Althauser mit Peter Tichauer.

Frau Althauser, seit Ihrem ersten Besuch in Qingdao sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Wie hat sich die Stadt verändert?

Von 1987 bis 1990 habe ich an der Deutschen Botschaft in Peking gearbeitet. Das war mein erster Auslandsposten. Damals hatte ich die Gelegenheit, für einen Tag Qingdao zu besuchen – und ich habe kaum eine Erinnerung mehr. Woran ich mich aber erinnere ist, dass mir die damalige deutsche Generalkonsulin in Shanghai 1988 ein Reisfeld gezeigt und gesagt hat: „Dort wird sich demnächst etwas Neues entwickeln. Pudong wird es heißen.“ Hier in Qingdao ist es ähnlich. Die Stadt ist neu erschaffen worden, während das Alte bewahrt wird. Neues und Altes zusammen – das ist eine ganz besondere Symbiose. Das Neue, das entstanden ist, das ist grandios.

 

Lassen Sie mich den Pudong-Bezug aufgreifen. Sie haben ja auch die West Coast New Area besucht, die es in diesem Ausmaß vor fünf Jahren noch nicht gab. Welchen Eindruck haben Sie von diesem neuen Bezirk?

Ich finde, der Bezirk ist gut geplant. Vor allem auch im Deutsch-Chinesischen Ökopark habe ich den Eindruck, dass die einzelnen Funktionsbereiche gut aufeinander abgestimmt sind. Dabei wird einer ganz besonderen Strategie gefolgt, bei der Ökologie, Klima, Nachhaltigkeit im Mittelpunkt stehen. Die Städteplanung erfolgt mit Weitsicht. Im alten deutschen Gouverneurssitz wurde mir mit Stolz gezeigt, dass das Anfang des 20. Jahrhunderts geplante Abwassersystem noch immer funktionstüchtig ist. Qingdao ist ein besonderer Ort, in dem der Gedanke der Nachhaltigkeit eine lange Tradition hat und auch heute gelebt wird.

 

© Gao Yingjun

Shen Lei, Vizepräsident des Verwaltungskomitees des Deutsch-Chinesischen Ökoparks, begleitet Generalkonsulin Christine Althauser durch das Gewerbegebiet.

 

 

Qingdao hat für die deutsch-chinesischen Beziehungen einen besonderen Stellenwert. Da ist zum einen die Geschichte. Zum anderen ist der Deutsch-Chinesische Ökopark Qingdao ein Symbol für die heutige Zusammenarbeit. Was macht diesen Symbolcharakter aus?

Qingdao steht für mich für die Fortentwicklung der alten Bande. Und der Ökopark ist eine Art Modell, in dem anschaulich wird, in welche Richtung sich die bilateralen Beziehungen entwickeln können. Es gibt Bereiche, die sich überlappen, etwa beim Klima oder der nachhaltigen Gestaltung der Zukunft. Auch die Elektromobilität zählt dazu. Selbstverständlich gibt es auch Bereiche, in denen wir unterschiedliche Ansichten haben. Aber da, wo wir übereinstimmen, müssen wir die Zusammenarbeit weiter ausbauen. China mit seinen 1,4 Milliarden Menschen ist eher ein Kontinent als ein Land. Es kann nicht ignoriert werden.

 

Die Diskussion in Deutschland verfolgend, scheinen die deutsch-chinesischen Beziehungen derzeit nicht gerade auf einem Höhepunkt zu sein, wobei es aus Sicht der Wirtschaft nicht ganz so pessimistisch aussieht. Wie sehen Sie die Beziehungen und wo sollten beide Seiten noch stärker Dinge gemeinsam anpacken, um die Zukunft zu gestalten?

Manchmal habe auch ich den Eindruck, dass es unterschiedliche Wirklichkeiten gibt, in denen China-Beobachter, seien sie nun Kenner oder Nicht-Kenner des Landes, leben. Es gibt gute Gründe dafür, warum die Meinungen auseinandergehen. Wichtig ist aber, dass der Kontakt nicht abbricht. Wir müssen mit China umgehen, ohne es zu umgehen. Damit die Perzeption nicht zu sehr auseinander driftet, wünsche ich mir, dass sich die Menschen intensiver mit China auseinandersetzen. Themen, wo wir nicht einer Meinung sind, können wir nicht „unter den Teppich kehren“. Wir müssen sie ansprechen, gleichzeitig aber auch das Gemeinsame erkennen und ausbauen.

Den Dialog zwischen den Menschen, den Austausch dürfen wir nicht abbrechen lassen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass die Charterflüge gut funktionieren. Sie sind selbstverständlich nur ein Hilfsmittel und kein Ersatz für einen normalen Reiseverkehr. Aber in diesen schwierigen Zeiten sind sie wichtig. Die Deutsche Auslandshandelskammer, die diplomatischen Vertretungen, Lufthansa, die Stadt Qingdao, der Deutsch-Chinesische Ökopark und auch der Deutsch-Chinesische Treffpunkt Qingdao tragen dazu bei, dass dieses „deutsch-chinesische Gewebe“ nicht austrocknet. Dafür müssen wir noch mehr tun.

Qingdao hat für mich dabei eine besondere Rolle, weil es hier offensichtlich viele Berührungspunkte gibt. Und eine starke Sympathie füreinander.

 

© Lv Shuangyu

Im Ökopark informierte sich die Generalkonsulin ausführlich über das Engagement deutscher Unternehmen wie hier bei Logomat automation, ein Unternehmen, das Anfang des Jahres die Produktion aufgenommen hat.

 

 

Rückt Qingdao dank des engagierten Empfangs der deutschen Charterflüge stärker ins Bewusstsein der Deutschen? Manchmal scheint es ja fast, die Deutschen kennen nur Shanghai und Peking.

Das hoffe ich. Und genau das meine ich, wenn ich vom „Kontinent“ spreche. Zwischen Harbin im Norden und Shenzhen im Süden liegen Welten. China hat mehr als 100 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern.

In Deutschland mangelt es an Wissen über China, an fundierter Chinakunde. China ist kein einfaches Land. Das war es nie. Es ist aber sehr divers und hat sehr viel zu bieten. Das Tempo, der chinesische Hunger nach Erneuerung – das beeindruckt.

 

Genau dieses Tempo sorgt in Europa scheinbar jedoch für eine Art Angst, dass da im Osten ein großer Wettbewerber heranwächst. Dennoch, was können wir, was sollten wir von China lernen?

Als die EU-Kommission im vergangenen Frühjahr erstmals von China als einem „Partner, Wettbewerber und systemischen Rivalen“ sprach, hat dies sicherlich erschreckt. Jedoch: Dieser Dreiklang ist da. Und er ist auch gerechtfertigt.

Aber der Westen sollte lernen, China anders einzuschätzen. Wir haben uns zu sehr an alte Bilder gewöhnt. Chinesen würden uns auskaufen oder alles kopieren. Nein, das ist längst nicht mehr so. Schauen Sie sich in Shanghai um, wie viele Forschungseinrichtungen buchstäblich über Nacht entstehen und wie schnell die Entwicklung ist. Und wie wagemutig vorgegangen wird. Manchmal reicht es eben auch aus, eine neue Entwicklung schon mit 80 Prozent in den Markt einzuführen, um sie dann weiter zu vervollkommnen. Diese Schnelligkeit, Prozesse zu entwickeln, die lohnt es sich anzuschauen. Und ich sehe, dass viele deutsche Unternehmen wirklich daran interessiert sind, von China zu profitieren. Wie sonst wäre es zu erklären, dass zunehmend auch deutsche mittelständische Unternehmen hier nicht nur produzieren, sondern Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen aufbauen.

Die ADCG e.V.

Die ADCG e.V. ist die Dachorganisation Deutsch-Chinesischer Gesellschaften in der Bundesrepublik Deutschland für China auf allen Ebenen, insbesondere in den Bereichen Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft, Jugend und Sport.

Kontakt

Kurt Karst (Präsident)
E-Mail: info@deutsche-china-AG.de

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